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Wasserflugzeuge

Vortrag von Prof. Dr.-Ing. Elmar Wilczek:

Spurensuche - Wasserflugzeuge vor Immenstaad

Donnerstag, 14. November 2013 um 19:30 Uhr im Bürgersaal in Immenstaad

 

 

 

 

Seit 1986 hält Prof. Dr.-Ing. Wilczek Vorlesungen zum Thema „Grundlagen des Seeflugwesens“ am Fachbereich Luft- und Raumfahrttechnik der Fachhochschule Aachen.

Er lebt in Immenstaad am Bodensee, ist Mitglied des Heimatvereins und anerkannter Spezialist auf dem Gebiet des Seeflugwesens.

Ein interessanter Vortrag mit vielen historischen Details und Bildern.

 


 

Fast alle hier am Bodensee wissen, dass Friedrichshafen und Manzell eine hundertjährige Geschichte mit Wasserflugzeugen der Firmen Flugzeugbau Friedrichshafen und Dornier verbindet. Ungläubig wird aber der Kopf geschüttelt, wenn von den Wasserflugzeugen auf dem See vor Immenstaad gesprochen wird. Und doch haben seit den zwanziger Jahren Wasserflugzeuge vor dem einst kleinen Fischerdorf Immenstaad zum Teil merkwürdige Geschichten geschrieben.

Bereits in den zwanziger Jahren gab es Streit um eine Anlegestelle für die Wasserflugzeuge des Bodensee Aerolloyd. Ein Privatmann betrieb in den dreißiger Jahren ein Schwimmerflugzeug dort, wo heute die Dornier-Mole ist.

Im Krieg lagen französische Riesenflugboote, viel größer noch als die berühmte Dornier Do X, südöstlich des Schlosses Helmsdorf vor Anker. Unter mysteriösen Umständen besiegelte sich ihr Schicksal. Aber auch eine besondere Do 24, das legendäre Seenotrettungsflugboot der Firma Dornier, sollte ihr Ende in diesem Winkel des Bodensees finden.

Kaum dass der Krieg zu Ende war, kamen schon wieder Wasserflugzeuge nach Immenstaad. Diesmal war es eine französische Marinefliegerstaffel, die ihre Wasserflugstation „Base Z“ östlich von Immenstaad errichtete. Etwa ein Jahr lang herrschte dort reger Flugbetrieb. Viele Kontakte gab es zu den Fliegern. Ein schweres Unglück machte auch manche Einwohner von Immenstaad betroffen.

Erst viele Jahre später sollten dann wieder erste Wasserflugzeuge von Dornier vor Immenstaad auf dem See erprobt werden. Aber auch ein seltsam anmutendes Gerät zeigte Anfang der siebziger Jahre seine Flugkünste häufig in sehr geringer Flughöhe über dem Wasser, so dass der eine oder andere schon das Schlimmste befürchtete.

Der Vortragende ist diesen Geschichten nachgegangen und hat dabei so manches Erstaunliche zutage befördert, über das er anhand vieler Bilder und Dokumente berichten wird. Andererseits sind aber auch die Zuhörer aufgerufen, da und dort Lücken zu schließen.

 

Bericht von Manfred Bauer über den Vortrag vom 14. November 2013 im Bürgersaal

An sich war es ein Thema, welches man  in Manzell oder in Seemoos angesiedelt hätte. In Seemoos befand bis 1920 der Flugzeugbau Friedrichshafen (FF) von Dipl. Ing Kober und in Manzell bis 1945 die Dornier-Werke, die in erster Linie Wasserflugzeuge bauten. Aber „ Spuren von Wasserflugzeugen“ vor Immenstaad zu suchen und zu finden, war für viele etwas Neues – und trotzdem oder gerade deswegen war der Bürgersaal im Rathaus bis auf den letzten Platz gefüllt. Ein Thema, welches doch auch viele ehemalige Mitarbeiter von Dornier, aber auch viele Immenstaader interessierte, die noch teilweise als Zeitzeugen mit einzelnen Wasserflugzeugen in Berührung kamen.

Der Vorsitzende des Heimatvereins Reinhard König, der mit seinem Team diese Veranstaltung organisiert hatte, konnte unter den zahlreichen Gästen auch viele Luftfahrtfans aus der Schweiz und aus Frankreich begrüßen und – auch den Referenten des Abends – Prof. Dr.-Ing. Elmar Wilczek.

Prof. Elmar Wilczek, ein anerkannter Spezialist für Seeflugwesen, früherer Programmleiter Seeflugwesen bei der Dornier GmbH in Immenstaad und auch Mitglied des Heimatvereins, nahm sich dieses Themas an. Er referierte spannend in 90 Minuten über das Thema – mit vielen Informationen, Geschichten, technischen Details und unterlegte mit überraschenden Photos, was bei vielen Besuchern doch noch Erinnerungen an diese Zeit wieder wachrief.

Es begann vor nahezu fast hundert Jahren: Bereits in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts war ein „harter“ Konkurrenzkampf von Gemeinden und Hotels rund um den Bodensee, um mit Anlegestellen und Uferplätzen Flugzeuge des Bodensee Aero Lloyd auch zum Wassern und zum Anlegen zu ködern. Diese „Luftfahrtgesellschaft“ machte regelmäßigen Kursdienst am Bodensee und auch Rund- und Sonderflüge. Vor dem Gasthof „Schiff“ in Immenstaad war eine solche Anlegestelle, die von Wasserflugzeugen vom Typ Dornier Delphin II, die von dem Konstanzer Flugpionier Willy Truckenbrodt, dem bekannten „Bodenseeflieger“ und früheren Testpiloten der Flugzeugbau Friedrichshafen GmbH, angeflogen wurde. Zahlungskräftige Besucher und Touristen konnten von dort Bodensee-Rundflüge machen. Noch heute erzählt Karl Glatthaar, wie er als kleiner Junge ganz interessiert diese Starts und Wasserungen beobachtete – und ab und zu flogen dann auch die Sonnenschirme der Gartenwirtschaft bei den Starts fort. Er sammelte Groschen für Groschen, um die ca. 6 Mark zusammenzubringen, um bei einem solchen Rundflug mitfliegen zu können. Als es soweit war, das Geld war beisammen, stand er vor dem Flugzeug – verlor jedoch den Mut für dieses besondere Erlebnis. Er flog nicht mit. Wahrscheinlich wäre es auch nicht möglich gewesen – Vater und Mutter hätten gefragt werden müssen, welche diese Idee nicht für gut befunden hätten.

Auch erinnerte sich Karl Glatthaar an die Probe- und Versuchsflüge der Do-X Flugzeuge. Anfang der dreißiger Jahre wurden in Altenrhein/CH von Claude Dornier drei dieser Riesenflugschiffe gebaut, und die Probeflüge dieser Do X konnte man vom Ufer von Immenstaad sehen – und, so berichtet er,  wenn man diese nicht sah, hören konnte man alleweil diese 12 Triebwerke.

Dr. Miller, den Immenstaadern als „Waatele-Miller“ bekannt, wohnhaft in den Seeäckern (heute vor Dornier-Gelände) und Arzt in Markdorf und Immenstaad, hatte im November 1936 als Privatmann ein Wasserflugzeug des Typs Klemm L 25 D 7 R gekauft. Er und seine Sekretärin hatten den Flugschein – sicher wurden hier auch Flüge rund um den Bodensee gemacht. Dr. Wilczek entdeckte sogar einen Antrag auf Fluggenehmigung bis nach Budapest. Die Maschine wurde zu Beginn des Krieges vom RLM beschlagnahmt – Dr. Miller wurde auch entschädigt.

Vor Immenstaad konnte man auch die Erprobung des Hochauftriebsflugbootes Dornier Do 24 beobachten, das in Einswarden bei Bremen umgebaut worden war. Es war eine verbesserte Ausführung der bekannten Do 24, die auch bei hohem Seegang noch starten konnte und im Weltkrieg in erster Linie als Seenotrettungsflugboot an allen Fronten eingesetzt wurde. Übrigens – eine Do 24, die bei Dornier 1944 gebaut und dann damals nach Spanien geliefert wurde, kehrte wieder an den Bodensee zurück und landete im Jahre 1971 vor Immenstaad. Sie wurde Anfang der achtziger Jahre zum amphibischen Flugversuchsträger Do 24 ATT umgebaut und wird heute von Iren Dornier auf verschiedenen Luftfahrtveranstaltungen gezeigt.

Ganz ausführlich referierte Prof. Dr. Wilczek über die „mysteriöse Zerstörung“ der beiden Großflugboote vor Immenstaad im Jahre 1944. Viele Immenstaader erinnern sich noch heute an dieses Geschehen, was sie als Kinder erlebten. Zwei französische Großflugboote wurden Anfang 1944 von Toulouse an den Bodensee überführt, um dann später vermutlich auch zur Versorgung der eingeschlossenen deutschen Truppen auf der Krim am Schwarzen Meer zu dienen. Diese Großflugboote Latécoère 631, oft auch kurz Laté 631 genannt, und SE 200 waren deutlich größer als die am Bodensee produzierten DO X. Diese französischen Flugboote hatten eine Spannweite von 57m bzw. 52 m, eine Länge von 43 m  bzw. 40 m, eine Höchstgeschwindigkeit von nahezu 400 km/h und eine Reichweite von ca. 6000 km. Die DO X dagegen hatte ein Spannweite von 48 m, eine Länge von 40 m und eine Höchstgeschwindigkeit von ca. 210 km/h. Diese Flugzeuge, vermutlich noch ein kleineres Wasserflugzeug, wurden durch ein Aufklärungsflugzeug der RAF im Februar 1944 entdeckt und in der Nacht vom 6. auf 7. April 1944, ankernd zwischen Seewerk und Schloss Helmsdorf, durch eine „Mosquito“ der RAF im Tiefflug angegriffen und zerstört. Dieses angreifende Flugzeug und die darauf folgenden Explosionen und die brennenden Flugzeuge wurden von vielen Immenstaadern gehört und gesehen. Das angreifende Flugzeug stürzte auf halbem Weg zwischen Immenstaad und dem Schweizer Ufer in den See, über die Ursache kann nur spekuliert werden.

In den 50er Jahren machte sich ein Schweizer Unternehmer, „Bomber-Schaffner“ genannt, daran, diese Wracks zu heben. Sie wurden an Land gezogen, einmal beim zerstörten Seewerk der Luftschiffbau Zeppelin (LZ) GmbH, an der Kniebachmündung und am Landesteg in Immenstaad. Auf den gezeigten Photos der Wracks konnte man sich ganz deutlich die Ausmaße dieser riesigen Flugboote gut vorstellen. Als kleine Buben, so kann ich mich erinnern, kletterte man in die Wracks, um wertvolle Kabel und sonstiges Verwertbares abzumontieren. Wenn man Glück hatte, konnte man sie nach Hause nehmen – manche wurden erwischt, und mussten alles wieder zurückgeben. Alle diese Flugzeug-Wracks wurden dann verschrottet – es blieb nichts mehr übrig.

Bereits vor Ende des Weltkrieges, das Bodenseegebiet (außer Lindau) wurde den Franzosen als Besatzungszone zugewiesen, wurde eine Staffel mit Wasserflugzeugen in Südfrankreich aufgestellt und dem Standort Base Z (Seewerk, eine frühere Torpedoversuchsanstalt – LZ) in Immenstaad zugeteilt. Am 15. Mai 1945 flogen in knapp fünfstündigem Flug vier einmotorige Schwimmerflugzeuge vom Typ Latécoère 298 von Saint-Mandrier bei Toulon nach Immenstaad.

Die Staffel 3 S hatte sogar ein eigenes Wappen geschaffen, ein Schwan im Vordergrund auf dem See und das schneebedeckte Säntisgebiet im Hintergrund. Die französischen Marineflieger und weitere Angehörige der Streitkräfte wie auch deren Familien, es waren ca. 130 Personen, wurden in Immenstaader Häusern untergebracht und es war interessant auf einer Unterlage aus dem Gemeindearchiv Immenstaad zu sehen, wo diese überall wohnten. Leider war diese Staffel nicht vom Glück begleitet. Zwei Maschinen wurden beim Auftanken bzw. beim Start durch einen treibenden Baumstamm im Wasser zerstört. Die dritte Maschine mit dem Staffelkapitän flog bei plötzlich aufkommendem Nebel gegen den Roggersberg bei Oberuhldingen, alle drei Besatzungsmitglieder wurden dabei getötet. Nur knapp ein Jahr herrschte hier in Immenstaad der Flugbetrieb dieser französischen Staffel.

 

Erst viele Jahre später sollten wieder Wasserflugzeuge vor Immenstaad landen und starten. Nachdem Dornier auf dem Seewerkgelände eingezogen war und man in Deutschland wieder Flugzeuge bauen durfte, wurden vor der immer noch zerstörten Mole des Seewerks Do 27 Wasserflugzeuge erprobt. Lange Jahre war dort noch eine Boje mit der Aufschrift „Wasserflugplatz“ zu sehen.

Im Herbst 1971 tauchte dann ein seltsam anmutendes Gerät vor Immenstaad auf. In geringer Höhe über dem See wurde das Bodeneffektgerät X 113 oder „Stauflügelgerät“ getestet, um besonders kostengünstig zu fliegen. Dr. Alexander Lippisch, ein bekannter Flugzeugkonstrukteur und Aerodynamiker, leitete diese Versuche.

Danach waren „Wasserflugzeuge vor Immenstaad“ nicht mehr zu sehen – die Suche nach Spuren wird aber für Dr. Wilczek immer weitergehen.

Mit großem Beifall wurde dem Referenten Dr. Wilczek für diesen informativen und interessanten Vortag gedankt, der auch mit sehr eindrucksvollen Photos unterlegt wurde. Die 2. Vorsitzende Helga Bauer dankte ihm auch ganz herzlich im Namen des Publikums und des Heimatvereins Immenstaad und konnte auch darauf hinweisen, dass dieses Ergebnis nur durch jahrzehntelanges und intensives Suchen und Forschen erreicht werden konnte.

Manfred Bauer

 

Prof. Dr.-Ing. Elmar Wilczek

war von 1986 bis 1994 Programmleiter Seeflugwesen bei der Dornier Luftfahrt GmbH im Seewerk Immenstaad und dabei insbesondere verantwortlich für das europäische EUREKA-Hightech-Projekt AAA, eines hochseefähigen Umweltschutz-Amphibienflugbootes. Heute ist er international tätig als Luftfahrtsachverständiger und lehrt als Professor das Gebiet Seeflugwesen in Aachen, aber auch in Mailand, Peking und Montreal. Daneben ist er Marinefliegeroffizier der Reserve.

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