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Das Seewerk

Torpedo vor Seemoos gefunden und geborgen; stammt aus dem Seewerk Immenstaad

 

Spektakulärer Fund vor dem Seemooser Horn: Die Wasserschutzpolizei und der Kampfmittelbeseitigungsdienst haben am 8. März 2017 einen Torpedo aus dem Bodensee geholt. Dieses Übungsgeschoss vom Typ LT5W – 5,46 Meter lang, 45 Zentimeter im Durchmesser – wurde bei der Auswertung von Sonaraufnahmen des Seegrunds entdeckt. Es stammt aus dem Zweiten Weltkrieg und wurde von der Torpedoversuchsanlage Seewerk Immenstaad abgeschossen.

(Anmerkung Redaktion: Darüber berichtete Manfred Bauer in seinem Vortrag am 17. März 2017 anlässlich der Hauptversammlung des Heimatvereins im Gasthof Krone in Immenstaad)

Torpedofund2

Foto des geborgenen Torpedos (Südkurier)

Es dauerte einige Tage, bis der Torpedo, der 500 Meter vor dem Ufer 1,80 Meter tief im Schlick steckte, für die Bergung bereit war. Mit Saugpumpen legten die Feuerwerker den 950-Kilo-Trumm zunächst frei, bevor er mit Hebesäcken verzurrt und an die Wasseroberfläche gebracht wurde. Die Taucher bugsierten den Torpedo anschließend auf den Slipwagen des Württembergischen Yachtclubs. Was mit der Kriegswaffe geschieht, steht noch nicht fest. Vielleicht wird sie verschrottet, vielleicht kommt sie auch in eine Sammlung, verriet Christoph Rotter vom Kampfmittelbeseitigungsdienst.

Text von Gunnar Flotow, Schwäbische Zeitung

 

Das Seewerk in Immenstaad

Aufsatz in Heft 16 der Immenstaader  Heimatblättter von Manfred Bauer

Diesen Vortrag hielt Manfred Bauer (nicht komplett inhaltsgleich) an der Hauptversammlung des Heimatvereins am 17. März 2017 im Gasthaus Krone in Immenstaad.

Das Gelände südlich der Bundesstraße 31, auf dem die Firma Dornier heute ihren Hauptsitz mit Entwicklungs- und Versuchsabteilungen hat, war bis Ende 1942 ein Gebiet, wo neben Streuwiesen und Obstbäumen nur ganz wenige Häuser sich in Richtung Helmsdorf befanden. Dieses Gebiet mit den Gewannen „Seeäcker“ und „Wartelen“ (auch „Wasach“) ist den älteren lmmenstaadern noch insofern bekannt, daß in einem der Häuser der Arzt  Dr. Miller, auch bekannt unter dem Namen „Wa(r)tele-Miller“ wohnte. Dieser hatte das Grundstück 1928 von Johann Langenstein gekauft und ca. 1929 ein Wohnhaus darauf gebaut. Weiter westlich kaufte im Jahre 1932 der Schweizer Staatsbürger Richard Kisling damals noch als „Student in Dresden“ im Grundbuch von Immenstaad erwähnt, drei Grundstücke von den lmmenstaadern Johann Langenstein,  Anton Endres und Bernhard Endres und baute dort eine schöne Villa „im Tessiner Stil“, das Grundstück bepflanzt wie „ein botanischer Garten“.  Diesem Grundstück vorgelagert war eine Landzunge mit Kies und Sand, die bei niederem Wasserstand im Winter aus dem Wasser herausragte und zu sehen war.

Luftbild Gelände Seewerk klein

Luftbild der Gewanne “Seeäcker” und “Wa(r)telen” mit der Villa Richard Kisling 1938 - das spätere Gelände des Seewerks; Quelle: Gemeindearchiv Immenstaads

Friedrichshafen war seit Beginn des Dritten Reiches besonders bevorzugt als eine Stadt bzw. ein Bereich, in dem die deutsche Rüstungsindustrie einen Mittelpunkt hatte. Die Luftschiffbau Zeppelin GmbH und die Nachfolgebetriebe bzw. Tochterfirmen wie die Maybach-Motorenwerke, die Zahnradfabrik Friedrichshafen und die Dornier-Werke produzierten schon vor Beginn, aber ganz besonders seit Beginn des Krieges und wurden systematisch als Rüstungsindustrie ausgebaut und vergrößert. Der verhältnismäßig sichere Standort weitab von den Grenzen bzw. den Fronten ließen hier in Friedrichshafen einer der bedeutendsten Zentren der deutschen Produktion an wichtigsten Kriegsgeräte entstehen. Aber auch dieser anscheinend sichere Standort gegenüber Luftangriffen und Feindeinwirkungen sollte im Verlauf des Krieges diesen Vorteil auf erschreckende und traurige Art  und Weise verlieren.

Besonders auch die Luftschiffbau Zeppelin GmbH in Friedrichshafen war auf vielfältige Weise mit der Produktion von Kriegsgerät verbunden, z. B. Flugzeugteile für Messerschmitt und Dornier, Würzburg-Spiegel, V2-Teile. Ende 1942 waren Gespräche und Überlegungen zwischen der LZ GmbH und dem lndustrierat des Reichsmarschalls Göring und dem Reichsministerium für Bewaffnung und Munition über einen weiteren Auftrag von Kriegsgerät. Am 11. November wurde von Dr. Eckener der LZ-Betriebsleitung mitgeteilt, dass „von interessierter Stelle eine Luft-Torpedo-Werkstatt am Bodensee gebaut werden soll. Der LZ ist beauftragt bzw. hat sich bereit erklärt, die Vorarbeiten betreffs Aussuchen des Geländes und Einziehen von Erkundigungen zu übernehmen.“ Und bereits 4 Tage später wurden erste Ergebnisse „und Begründungen für die Platzwahl für das neue lndustriewerk am Bodensee“ dargestellt. Am 9. Januar 1943 wurde die Luftschiffbau Zeppelin GmbH vom Reichsminister der Luftfahrt und Oberbefehlshaber der Luftwaffe (Planungsamt) beauftragt, „am Bodensee eine Anlage für die Fertigung und das Einschießen von Flugzeugtorpedos zu projektieren.“

Die gesamte Anlage sollte neben den Werkstätten und einem Schießstand so ausgerichtet sein, dass eine Einschießkapazität von monatlich 1000 Flugzeugtorpedos und eine Montage von ca. 400 Torpedos möglich sein sollte, die dann kurzfristig bis auf evtl. 1000 Torpedos monatlich zu erweitern wäre. Die Luftschiffbau Zeppelin GmbH wurde aufgefordert, auf Grund der aus dem Führerbefehl ergebenden hohen Dringlichkeit, dieses Projekt in kürzester Zeit auszuarbeiten und vorzustellen, so dass der Schießstand noch vor Einbruch des Winters 1943/44, also weniger als 1 Jahr zwischen Auftrag der Projektierung und Fertigstellung, in Betrieb genommen werden sollte.

Die vom RLM als Auftraggeber gestellten Bedingungen führten zu der Platzwahl für dieses neue lndustriewerk am Bodensee. Kriterien waren u. a. eine freie Schussbahn von 6 - 8 km, keine Dampferkurse dürfen die Schussbahn kreuzen, die Tiefe der Schussbahn sollte möglichst zwischen 10 - 40 m mit möglichst sandigen Bodenverhältnissen ohne Felsblöcke sein, auch im Winter Durchführung des Schießbetriebes möglich, Gleisanschluss für Anlieferung und Abtransport der Torpedos und solche Geländeverhältnisse, die einen späteren Ausbau des Werkes ermöglichen würden.

Schussbahn

Lageplan mit der Schussbahn Richtung Friedrichshafen; Quelle: Archiv der Luftschiffbau Zeppelin GmbH

Bereits vor dem offiziellen bzw. amtlichen Auftrag durch das Reichsluftfahrtministerium untersuchte die Luftschiffbau Zeppelin GmbH die möglichen Uferpartien, u. a. Unteruhldingen - Überlingen,  Argenmündung - Kressbronn - Nonnenhorn, die Bregenzer Bucht und die Strecke lmmenstaad - Friedrichshafen, und kam bereits Ende Januar 1943 zum Ergebnis, daß nur das Gebiet bzw. das Ufergelände westlich von lmmenstaad bzw. Schloss Helmsdorf und einer Schussbahn lmmenstaad- Friedrichshafen (Schloss) allen gestellten Anforderungen genügen würde.

Einen besonderen Aspekt erwähnte Eugen Bentele, vor dem Krieg Besatzungsmitglied auf den deutschen Zeppelinen und danach beschäftigt bei der Luftschiffbau Zeppelin GmbH in der Gruppe von G. Molt. Vor dem Kriege gab es Planungen für den Bau eines Kanals von Ulm an den Bodensee, um hier den Bodensee an die Donauschiffahrt anzubinden. Ebenso bestanden seit langer Zeit Überlegungen, den Rhein von Basel bis an den Bodensee auszubauen und schiffbar zu machen. Hier wollte die Luftschiffbau Zeppelin GmbH einen Anschluss direkt am See haben, um dann in der Zukunft an diesem möglichen Transport-Wasserweg angeschlossen zu sein.

In einer ausführlichen Stellungnahme begründete die Luftschiffbau Zeppelin GmbH die Wahl des Standorts und stellte in ihrer „Planung einer Torpedo-Werkstätte am Bodensee“ die Anforderungen an das Baugelände, den Raum- und Arbeitskräftebedarf und das Zubringerwerk auf.

Dieses Gelände lag nun zwischen lmmenstaad und Fischbach, begrenzt im Norden von der Reichsstraße Nr. 31 Fischbach - lmmenstaad, im Süden vom See, im Osten vom Lipbach, der den Grenzbach zwischen Baden und Württemberg bildet und im Westen von dem Grundstück mit Landhaus Kisling und dem Knick der alten Landstraße zwischen lmmenstaad und Fischbach.

Das gesamte Areal hatte eine Ausdehnung in Ost-West-Richtung von ca. 500 m, in Nord-Süd-Achse von ca. 300 m, also insgesamt 17 ha, das zu 75% aus Streu- und Nutzwiesen, zu 25% aus bebautem Ackerland bestand.

Die Zufahrt für ein geplantes Werk wurde als sehr günstig angesehen. Das Areal wurde begrenzt von der Bodenseeuferstraße Meersburg nach Friedrichshafen und ebenfalls zweigt ganz in der Nähe eine Hauptstraße nach Markdorf ab. Auch bestand die Möglichkeit, einen Gleisanschluss aus dem Bahnhof Fischbach herauszuführen. Die Schwierigkeiten für den Bau dieses Gleisanschlusses lagen nur bei der Überführung eines Bacheinschnittes; die Trasse selbst konnte dann östlich der Ziegelei Grenzhof zum oberen Teil des Werksgeländes durchgeführt werden, das an die Reichsstraße angrenzt.

Rechtzeitig erkundigte sich die Luftschiffbau Zeppelin GmbH über die Besitzverhältnisse des geplanten Werksgeländes auf lmmenstaader Boden. Nach Einsichtnahme beim Bürgermeister Kast und dem Grundbuchamt in Immenstaad gehörten die am Seeufer gelegenen Streuwiesen der Gemeinde Immenstaad, die anderen Wiesen und Äcker gehörten ca. 30 verschiedenen Eigentümern aus Immenstaad, anscheinend „darunter ein Teil der Wiesen Schloss Hersberg und ein größerer Teil in der Mitte des Geländes der Schlossbrauerei Helmsdorf.“

Als ganz wichtig für das neue Torpedowerk wurde das „Anwesen des Schweizer Staatsbürgers Kisling angesehen, das in dieser Zeit (Januar 1943) von der Rentkammer des Grafen Waldburg-Wolfegg verwaltet wurde“. Dieses Grundstück mit einem Haus im „Tessiner Stil“ wurde in die Planung miteinbezogen, da „dasselbe die am weitesten vorspringende Ecke besitzt, von wo aus der Steg in den See für das Einschießen der Torpedos hinausgelegt werden muss.“

Infolge des flachen Ufergeländes war es notwendig, einen Steg bzw. Damm von ca. 300 - 400 m Länge in den See hinauszubauen; hierbei konnte eine angeschwemmte Sandbank von ca. 100 m Länge mitausgenutzt werden. Dieser Damm war notwendig, um beim Schießstand auf eine mittlere Tiefe von ca. 10 m zu gelangen; die Schussbahn mit einer Länge von ca. 6 km bis querab zur Schlosskirche Friedrichshafen hatte eine Wassertiefe zwischen 10 und 50 m. Bereits in dieser Zeit wurden Berechnungen über den Bedarf an Raum und Arbeitskräften durchgeführt.

Für den Erstausbau, also einer Fertigung von 400 Torpedos monatlich, war ein Bedarf an Räumen und Hallen von ca. 3200 qm und ca. 565 Personen, für den Endausbau, also einer Fertigung von 1000 Torpedos monatlich, wurde eine notwendiger Bedarf von 1420 Personen und ca. 8000 qm Arbeitsfläche errechnet.

Geplante Gebäude 1

Geplante Gebäude 2

Zeichnungen der geplanten Gebäude; Quelle: Archiv der Luftschiffbau Zeppelin GmbH

 

Die Berechnungen der Luftschiffbau Zeppelin GmbH über den Materialbedarf für die Einrichtungen, maschinellen Anlagen, Förder- und Transportmittel, Hochdruckluftanlagen, Versorgungsanlagen usw. ergaben ca. 1,3 Mill Tonnen an Eisen, ca. 730 kg Kupfer und ca. 900 kg Aluminium. Bei den Baukosten ging man von ca. 16,4 Mill. RM aus, die sich auf die reinen Baukosten auf 7,3 Mill. RM, auf allgemeine Kosten von 3,6 Mill. RM und auf die Maschinen und Einrichtungen in Höhe von 5,4 Mill. RM aufteilen würden.

Das Zubringerwerk für die mechanischen Teile innerhalb der Auftriebskammer der Torpedos sowie deren Einbau sollte in der Nähe des Torpedowerkes am Bodensee sein. Bereits in Dezember 1942 waren Besprechungen in Biberach, um über die Frage dieses Zubringerwerks für die am Bodensee zu erstellenden Torpedo-Werkstätten zu beraten. Biberach kam deswegen in Betracht, da die Stadtgemeinde dort sehr interessiert an dem Erhalt einer Industrie war, wobei Gelände wie Arbeitskräfte vorhanden waren.

Ganz massiv wehrte sich auch der Rechtsanwalt Kislings gegen die seiner Ansicht nach zu einfachen Entschädigungspraxis. In einem Schreiben vom 1. Juli 1944 schreibt der Rechtsanwalt: „Ich kann nur wiederholen, dass es vom deutschen rüstungswirtschaftlichen Standpunkt aus allein maßgeblich ist, dass Sie (die LZ GmbH) das Grundstück im rüstungswirtschaftlichen Interesse während des Krieges nutzen können. Diese Nutzung üben Sie seit langem aus. Alles, was darüber hinausgeht, insbesondere Eigentumswechsel und Entschädigung, gehört in den privatwirtschaftlichen Sektor und berührt die Kriegsbelange des Reiches nicht. In diesem privaten Sektor haben Sie nicht mehr Rechte und Pflichten als jeder andere auch. lm Gegenteil, Sie haben die moralische Pflicht, den bisherigen Eigentümer, dem Sie Opfer zumuten, so zu stellen, wie es eben nur möglich ist, und ich habe die Pflicht, meinem geschädigten Mandanten in diesen privaten Belangen so zu unterstützen, wie es mir nur möglich ist.... Ich bedauere, in der Entschädigungsfrage Ihren letzten guten Willen bisher habe nicht feststellen können. Für Sie ist einfach der Fall erledigt mit der Zahlung einer Entschädigung. Sie gehen damit den Weg des geringsten Arbeitsaufwandes. Meinem Mandanten liegt aber daran, entweder dieses Grundstück, in das er sehr viel Geld und sehr viel Liebe hineingesteckt hat, oder wenigstens ein Ersatzgrundstück zu erhalten.“

lm März 1945 kam zunächst die Entscheidung im Enteignungsverfahren, das sich aber bis Kriegsende hinziehen sollte. Hinsichtlich der Entschädigung wurde im Dezember 1944 durch den Landeskommissar Konstanz ein Betrag von 168000.- RM festgelegt, der im März 1945(!) durch das Landgericht Konstanz in einem Anerkenntnisurteil auf 168000- RM + 33263.- RM nebst 4% Zinsen vom 1.Apríl 1944 an festgestellt wurde. Der Enteignungsbeschluss kurz vor Kriegsende besagte, dass der Eigentumswechsel erst durch die Eintragung im Grundbuch und nach Überweisung und Einzahlung auf das Bankkonto Kisling erfolgen sollte. Dies war aber durch die kriegerischen Ereignisse nicht mehr möglich, so dass nach dem Krieg bzw. nach der Freigabe durch die Franzosen im Dezember 1950 das Anwesen wieder Kisling zur Verfügung stand.

Es zeigte sich aber im Laufe des Jahres 1943, dass mit der geplanten Fertigstellung des Seewerkes bis Winter 1943/44 insbesondere aus Mangel an Bauarbeitern nicht gerechnet werden konnte. Die gewünschten Gebäude waren nur teilweise bzw. noch gar nicht errichtet, der Damm war aufgeschüttet, aber ohne den geplanten Schießstand. Man ging im September 1943 davon aus, dass zunächst nur ein provisorischer Schießstand mit Schießschiff und einer Schiffsbrücke entstehen sollte.

Daher wurde das Motorschiff „Oesterreich“ (!) gechartert, geplant war auch, einige große Bodensee-Lastschiffe später mit einzubeziehen. Auch war der Bauzustand der Werkstatthalle Ende 1943 noch so ungenügend, dass eine Werkstatt ins provisorische Maschinenhaus, in dem 2 Louvroil-Kompressoren waren, verlegt wurde.

Oesterreich im grauen Tarnanstrich

Die Oesterreich im grauen Tarnanstrich; Quelle: Arnulf Dieth, Rot-weiß-rot auf dem Bodensee: Die österreichische Schiffahrt im Wandel der Zeit, Hecht-Verlag, 1995

Gleisanlagen zum Transport der Torpedos am Heck der Oesterreich

Gleisanlagen zum Transport der Torpedos am Heck der Oesterreich; Quelle: Arnulf Dieth, Rot-weiß-rot auf dem Bodensee: Die österreichische Schiffahrt im Wandel der Zeit, Hecht-Verlag, 1995

Dieses Provisorium wurde am 10. Dezember 1943 in Betrieb genommen. Die Kapazität konnte von 5 Schuss auf 12 Schuss/Tag gesteigert werden. Die Kapazität blieb jedoch, auch bestimmt durch die Luftversorgung, bei einem Einschießen von 80 Lufttorpedos je Monat, was einer Schusszahl von ca. 240 Torpedos entsprach.

Nachdem auch im Winter/Frühjahr 1943/44 sich die Beschaffung von Bauarbeiterkräften immer schwieriger gestaltete, wurde durch den lndustrierat des RLM vorgeschlagen, den Ausbau des Seewerks auf primitivste Ausführung zu gestalten.

Hinsichtlich der baulichen Gestaltung sollte das feste Schießstandgebäude, das immerhin Ausmaße von 30 m x 40 m und eine Höhe von ca. 20 m über Mittelwasser haben sollte, ganz wegfallen und der Schießbetrieb nur noch vom Schießschiff aus erfolgen. Auch das geplante Einschießen von z. B. 1000 Torpedos pro Monat (d. h. ca. 2400 Schuss je Monat), Reparatur und Umbau von Torpedos sollten stark reduziert werden, die mechanische Fertigung von Kessel und Auftriebskammer der Torpedos und die Endmontage sollten ganz aufgegeben werden. Vom lndustrierat wurde im April 1944 nur noch das Einschießen von ca. 160 Torpedos je Monat (d. h. ca. 480 Schussversuche), die Reparatur und der Umbau von je 100 Torpedos pro Monat gewünscht.

Nach dem Auftrag durch das RLM berechnete die Luftschiffbau Zeppelin GmbH, wie schon erwähnt, in einem ersten vorläufigen lnvestierungsantrag insgesamt Baukosten in Höhe von ca. 16,4 Millionen RM. Über die Finanzierung dieses Bauvorhabens ging die LZ GmbH nach Gesprächen mit dem RLM davon aus, dass der größte Teil als verlorener Zuschuss des Reiches bezahlt werden sollte, während die LZ GmbH ca. 2 - 3 Millionen RM selbst finanzieren wollte, evtl. zusätzliche Kosten sollten über sog. Mob-Kredite gedeckt werden.

Nachdem durch schwierige Untergrundverhältnisse, z. B. beim Bau des Dammes oder der Gebäude, weitgehende Änderungen in der Bauplanung, z. B. statt drei mittelgroße Hallen wurde aus luftschutztechnischen Gründen ein große Halle gewünscht, erhöhten sich die Baukosten in einem weiteren Voranschlag Ende 1943 auf über 20 Mill RM. Aber nachdem sich aus früher genannten Gründen die erste Planung nicht verwirklichen ließ und man auf einfachste Bauausführung und Verzicht auf den festen Schießstand wechselte, konnten durch Einsparungen Mitte 1944 von Baukosten in Höhe von ca. 10 Mill. RM (l) ausgegangen werden, die auch bis zu dieser Zeit anfielen. Hier wünschte die LZ GmbH vom RLM eine Erstattung der Kosten in Höhe von ca. 9 Mill. RM, während die Luftschiffbau Zeppelin GmbH bereit war, den Rest ca. 1 Mill RM zu übernehmen. Dies waren insbesondere Kosten für den Grunderwerb und Kosten für allgemein verwendbare Anlagen, Werkzeuge, Maschinen.

Kosten Seewerk

Kosten Seewerk; Quelle: Archiv der Luftschiffbau Zeppelin GmbH

 

Dann erfolgten im März 1944 schwere Luftangriffe auf Friedrichshafen und Umgebung, die das im Bau befindliche Seewerk ebenfalls schwer in Mitleidenschaft gezogen haben. Nach dem Protokollbuch der Gemeinde lmmenstaad erfolgte am 18. März ein schwerer Hauptangriff mit Spreng- und Brandbomben auf das Seewerk, wobei auch das Anwesen von Richard Kisling zerstört wurde. Auch am 24. April 1944 erlitt das Seewerk einen schweren Luftangriff, es gab 5 Tote und ein Sachschaden von über 1 Mill RM, ebenfalls in der Nacht zum 28. April, wobei aber hierbei die Schäden erheblich geringer waren als bei den ersten Luftangriffen.

Nach Axel Miller, der die Luftangriffe im elterlichen Haus miterlebt hat, haben Baracken im Seewerk gebrannt, und er sah auch, wie ein Mann, der bei der Vernebelung am See mitwirkte, tödlich getroffen wurde. Auch um das Anwesen Dr. Miller waren Bombenkrater, das Haus wurde kaum beschädigt. Daraufhin wurden die Büros des Seewerks teilweise in das Haus Dr. Miller und nach lmmenstaad in den „Seehof“ bis Kriegsende verlegt.

Auch erlebte er, wie vielen lmmenstaadern auch noch in Erinnerung sein dürfte, die Vernichtung von drei Wasserflugzeugen um April 1944. Zu dieser Zeit standen 3 große Wasserflugzeuge französischer Bauart vollgetankt vor lmmenstaad zwischen der Mole des Seewerks Richtung Landesteg, als von der Schweiz her ein kleineres Flugzeug diese Wasserflugzeuge angriff. lm Mondlicht flog diese Maschine über das Millersche Haus drei Mal auf diese unbeweglichen Flugzeuge und schoss sie in Brand. Die Flak auf der Höhe Siedlung konnte nicht auf das angreifende Flugzeug schießen, weil es ganz nieder anflog und nach erfolgreichem Abschluss wieder in Richtung Schweiz weiterflog. Auch hier gab es das Gerücht, dass durch Spionage und Verrat dieser Angriff möglich war.

Durch die schweren Angriffe auf Friedrichshafen wurde der größte Teil der Bauarbeiter vom Seewerk nach Friedrichshafen zum Katastropheneinsatz abgezogen. Der lndustrierat war nicht mehr in der Lage, für den Weiterbau des Seewerkes genügend Arbeitskräfte zur Verfügung zu stellen. Die Luftschiffbau Zeppelin GmbH konnte auch nicht mehr mit der Rückführung der Bauarbeiter rechnen und wurde aufgefordert, mit den „zur Verfügung stehenden Arbeitskräften (lMl, Ostarbeiterinnen usw.) unter Einschalten unserer deutschen Facharbeiter, die notwendigen Arbeiten zur Instandhaltung und Herrichtung der vorhandenen, angefangenen Bauteile in Angriff zu nehmen. Die Arbeiten werden von dem Gesichtspunkt aus durchgeführt, dass ein Schießen ohne Rücksicht auf Kapazität feldmäßig durchgeführt werden kann.“

Um diese geforderten Leistungen durchführen zu können, sollte die volle Kapazität des Schießschiffes, es war übrigens die damalige und heutige „Österreich“, nach wie vor ausgenützt werden und die Landanlagen entsprechend ausgebaut werden.

Dazu gehörten die Fertigstellung des Kompressor- und Traforaumes im provisorischen Maschinenhaus unter Berücksichtigung einer splitter- und brandsicheren Ausführung mit der Aufstellung von 2 Louvroil-Kompressoren, die eine Schusszahl von ca. 14 Torpedos pro Tag ermöglichen sollte. Weiterhin war geplant die Fertigstellung des Seepumpwerkes, da das Wasser für Kompressoren, Werkstatt usw. benötigt wurde, die große Werkstatthalle sollte abgedeckt werden und gegenüber den beschädigten Hallenteilen abgeschottet werden und der beschädigte Damm provisorisch hergerichtet werden mit evtl. dem Bau eines kleinen festen Schießstandes. Auch sollte die Weiterverlegung des Gleisanschlusses bis zur großen Halle weitergeführt werden; bis zur Straße Immenstaad - Fischbach war der Gleisanschluss schon fertiggestellt.

Zum letzten Mal erfolgte eine Besprechung zwischen der Luftschiffbau Zeppelin GmbH und der deutschen Marine Ende August 1944 mit einer weiteren Leistungsänderung und Vorplanung. Man ging noch aus von einem Einschießen von 160 Torpedos pro Monat (d. h. eine Schusszahl von ca. 450) und einem Reparaturbetrieb von ca. 10 Stück (November 1944), steigend bis 100 Torpedos pro Monat (März 1945). Dies sollte erreicht werden durch die Ausnützung des Schießschiffes mit den beiden vorhandenen Kompressoren (80 Torpedos), der Ausnutzung eines Schießstandschiffes mit zusätzlich einem Kompressor (160 Torpedos) und der Schaffung einer kleinen, festen Schießstandplattform mit einem Kompressor (260 Torpedos).

lnwieweit aber diese Leistung des Torpedowerkes erreicht wurde, ist nicht bekannt. Von der Luttschiffbau Zeppelin GmbH wurde für den Aufbau und die Einrichtung dieses Torpedowerkes“ die Abteilung von Dipl. lng. Günter Molt beauftragt, die ursprünglich für Triebwerke, U-Boot-Motoren, Ballastwassergewinnungsanlage usw. zuständig war. In dieser Abteilung war Herr Eugen Bentele, und er berichtet von den großen Schwierigkeiten bei der Errichtung des Werkes wie bei der Durchführung der Torpedoversuche. Schon bei der Errichtung des Dammes mit dem geplanten Schießstand am Ende war der Untergrund zu weich und aufgeschwemmt, dass die abgesenkten Betonblöcke schräg und nicht in der geplanten Reihe am Grund ankamen. So wurden dann nur noch vom „Schießschiff“ die Torpedos abgeschossen.

Aber wie Herr Bentele und Herr Miller berichten, wurden ab und zu auch von einem Flugzeug (evtl. Ju 88) Torpedos abgeworfen, die aber dann sehr unkontrolliert im Wasser eintauchten und teilweise nicht mehr gefunden wurden.

Abwurf Torpedo

Abwurf eines Lufttorpedos von einem französischen Flugzeug, vermutlci am Bodensee 1945/46; Quelle: Andreas Meichle

 

Da das Zulieferwerk in Biberach nie gebaut wurde, kamen die Lufttorpedos von Stargard, dessen Direktor dort der spätere Fischbacher bzw. Markdorfer Fabrikant Wagner war. Die Torpedos wurden nach ihrer provisorischen Fertigstellung auf das fest vertäute Schießschiff „Oesterreich“ gebracht und von dort aus Richtung Schloss Friedrichshafen mit Zielpunkt Eriskircher Kirchturm abgeschossen. Technisch sehr kompliziert und schwierig und anfällig durch die Regelungen mussten nach Aussage von Herrn Bentele die Torpedos manchmal 3 bis 4 mal „geschossen“ werden, bis diese richtig eingestellt waren. Durch Verbrennung von Brennstoff im Kessel des Torpedos wurde mit Dampf ein Motor angetrieben, der die Torpedos vorwärtsbewegte. Durch sensible Regelungen wie Membrane, Kreisel und Pendel wurden die Torpedos in bezug auf Geschwindigkeit, Richtung und Tiefe eingestellt und sollten sich dadurch selbständig steuern. Ca. 500 m vom Abschussplatz war das erste Floß mit einem Beobachter, der die Richtung des abgeschossenen Torpedos mit Fähnchen anzeigte. Ca. 2 km weiter war ein Fang- bzw. Beobachtungsboot (Kutter), das dann in die Spur des Torpedos fuhr, um es aufzufangen bzw. die Geschwindigkeit zu messen. Nach einer bestimmten Zeit bzw. Strecke stellte der Motor ab und der Antrieb des Torpedos endete. Durch eine bestimmte Regelungstechnik wurde Wasser aus der Antriebskammer durch den Stillstand herausgedrückt und das Torpedo kam an die Wasseroberfläche, wo es vom letzten Fangboot aufgenommen wurde.

Falls dies nicht geklappt hatte, und wie Herr Bentele sagte, es hat oft nicht geklappt, weil eben die Antriebskammer nicht 100% dicht war oder irgendwelche Regelungstechniken nicht funktionierten, musste das Torpedo von Taucher vom Boden des Sees geborgen werden.

Ende 1944 kamen dann anscheinend, nach Aussage von Herrn Bentele, zwei Züge von dem Torpedowerk in Stargat mit Direktor Wagner mit Personal und vielen Maschinen, und dieser hat sich „im Seewerk breitgemacht“, wobei er aber mit Herrn Günter Molt doch einen kompetenten und versierten Fachmann antraf, der sich nicht die Leitung streitig machen ließ.

Luftbild mit den 4 Wasserflugzeugen

Luftbild Seewerk und Immenstaad Ost von einem englischen Aufklärer im Februar 1944 mit 4 Wasserflugzeugen: Quelle: Martin Kohler

 

lm Seewerk waren im Durchschnitt ca. 100 Arbeitskräfte der Luftschiffbau Zeppelin GmbH unter Leitung von Dipl. lng. G. Molt, die aber auch von Stammpersonal des Torpedowerks unterstützt wurden, um sie in diesem Metier einzulernen. Insgesamt aber waren die Versuche auf Grund der Kompliziertheit der Regelungstechnik nicht so erfolgreich.

Ende April 1945 wurde das Seewerk von den französischen Streitkräften besetzt und der französischen Marine übergeben. Weiterhin arbeiteten noch Mitarbeiter der Luftschiffbau Zeppelin GmbH mit dem Büro Molt dort und nach Aussage von Herrn Bentele fanden auch nach der Besetzung noch Torpedoversuche statt. Nachdem im Jahre 1947 die Liquidierung der Luftschiffbau Zeppelin GmbH beschlossen wurde, sollte auch das Seewerk aufgelöst und zerstört werden. Die Gemeinde Immenstaad mit Bürgermeister Eugen Widmaier richtete ein Gesuch an die LZ GmbH, um die Wasserversorgung Immenstaad mit Kluftern sicherzustellen, die unbeschädigte Pumpanlage zu kaufen. Im selben Jahr wurde die Mole von den Franzosen gesprengt, und wie Axel Miller berichtete, konnte er diese Sprengung vom Gehrenbergturm aus mitverfolgen. Noch Jahre später konnten bei dem zerstörten Damm zwei gesunkene Lastkähne unter Wasser beobachtet werden.

Luftbild Seewerk um 1956.jpg

Luftbild Seewerk um 1956. Im Hintergrund die Reste der gesprengten Mole; Quelle: Gemeindearchiv Immenstaad

 

Danach war auf dem Gelände eine französische Reparaturwerkstätte der CRAS (Centre de Reparation Automobile Zone Sud) und verschiedene Lager der französischen Marine und einer Transportfirma. Schon 1952/53 interessierte sich die Fa. Meichle & Mohr für das Gelände, ebenso schon Dornier. Um 1955 pachteten lmmenstaader Bauern teilweise wieder das Gelände, der Versuch, die Grundstücke wieder zurückzukaufen, scheiterte aber. Ein kleiner Teil des Geländes wurde für die neue B 31 verkauft. Am 29. März 1958 wird nach langwierigen Besprechungen auch mit dem lmmenstaader Gemeinderat das Gelände mit den darauf stehenden Werkstattgebäuden, Garagen, Hallen usw. an die Fa. Dornier verkauft, die kurze Zeit später mit einem Vergleich mit Richard Kisling auch dessen Gelände miterwirbt.

 

Literaturnachweis und Zeitzeugen und Bildnachweis:

Kuhn, Elmar, L:  Dornier, Der Technologiekonzern am Seeufer, in: Immenstaad, Geschichte einer Seegemeinde, Konstanz 1995, S. 223 ff.

Maier, Fritz: Friedrichshafen, Heimatbuch/Band ll,

Die Geschichte der Stadt vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges, Friedrichshafen 1994, S. 350

Unterlagen, Pläne usw. aus dem Archiv der Luftschiffbau Zeppelin GmbH, Friedrichshafen (Frau H. Vogel)

Grundbuchamt und Archiv der Gemeinde Immenstaad (Herr Gerhard Jehle)

Ansprachen zum Gedenken an die Zerstörung der Stadt Friedrichshafen im Zweiten Weltkrieg, in: Forum FN -Themen der Zeit, Heft 41,

Friedrichshafen 1995, S. 1Off.

Herr Eugen Bentele, Friedrichshafen

Herr Axel Miller, Markdorf/ lmmenstaad

Frau Sylvia Mische geb. Molt, lmmenstaad

Herr Manfred Sauter, Friedrichshafen

 

 

 

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